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Favorite-Longshot-Bias: Warum Außenseiter-Tipps im Basketball schlechter altern

Updated Juli 2026
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Basketballspieler beim Freiwurf in einer leeren College-Halle

Ich erinnere mich an eine Nacht vor fünf Jahren, in der ich mit drei Freunden bis halb vier morgens ein Playoff-Spiel verfolgt habe. Alle vier hatten wir auf den Außenseiter getippt. Der Außenseiter hat in den letzten zwei Minuten ein Drei-Punkte-Comeback versucht und ist um einen Korb gescheitert. Am nächsten Morgen saß ich mit dem leeren Wettschein da und habe zum ersten Mal eine Frage zu Ende gedacht, die mich bis dahin jahrelang begleitet hatte: Warum tippen so viele Leute, mich eingeschlossen, systematisch auf den Außenseiter, obwohl die Mathematik dagegenspricht?

Die Antwort trägt einen Namen, der in der akademischen Literatur seit Jahrzehnten diskutiert wird. Sie heißt Favorite-Longshot-Bias. Und sie ist der Grund, warum Außenseiter-Tipps im Basketball fast immer schlechter altern als der erste Bauchgriff es verspricht. In einer Analyse von fast 16.000 NCAA-Basketball-Wetten schlug der Underdog den Spread in weniger als der Hälfte der Fälle – ein klarer Beleg dafür, dass das Bauchgefühl die Mathematik systematisch überschätzt.

Was der Favorite-Longshot-Bias empirisch bedeutet

Der Bias beschreibt ein Muster, das in fast allen Wettmärkten der Welt auftaucht: Wetten auf klare Favoriten liefern eine höhere, oft sogar akzeptable Rendite, während Wetten auf klare Außenseiter eine systematisch unterdurchschnittliche Rendite abwerfen. Auf den ersten Blick klingt das paradox, weil hohe Quoten nach mehr Gewinn aussehen. In Wirklichkeit sind die hohen Quoten aber zu niedrig kalkuliert, gemessen an der tatsächlichen Trefferwahrscheinlichkeit.

Die ökonomische Intuition dahinter ist nicht kompliziert. Buchmacher wissen, dass eine bestimmte Gruppe von Tippern gerne auf Außenseiter setzt – wegen der psychologischen Verlockung großer Auszahlungen. Diese Nachfrage erlaubt es dem Markt, auf der Longshot-Seite mehr Marge einzupreisen, weil die Tipper trotzdem beißen. Auf der Favoritenseite muss der Vig enger sein, weil die schärferen Tipper dort sitzen und jede Abweichung sofort ausnutzen würden.

Das Ergebnis ist ein Markt, in dem Wetten auf klare Favoriten in College-Basketball-Märkten eine durchschnittliche Rendite nahe null liefern und damit die Buchmacher-Marge neutralisieren. Longshot-Wetten schneiden dagegen systematisch schlechter ab. Für den durchschnittlichen Tipper heißt das: Wer emotional gerne auf Außenseiter setzt, verliert langfristig zuverlässiger Geld als jemand, der sich auf Favoriten konzentriert, auch wenn die einzelnen Gewinne kleiner wirken.

Die Berkowitz-Studie: 16.000 NCAA-Wetten als Beweis

Der wichtigste einzelne Datenpunkt zu diesem Thema kommt von Jason P. Berkowitz, Craig A. Depken und John M. Gandar. In ihrem Paper im Quarterly Review of Economics and Finance dokumentieren sie den Bias in Märkten für College-Basketball und College-Football. Ihr Kernsatz ist so klar, dass er kaum Interpretation zulässt: Das Wetten auf schwere Favoriten in diesen Märkten liefert die beste Strategie, um den Favorite-Longshot-Bias auszunutzen, mit einer durchschnittlichen Rendite nahe null. Nahe null heißt hier: Sie verlieren nicht, aber Sie gewinnen auch nicht. Sie halten den Vig in Schach.

Das mag auf den ersten Blick enttäuschend klingen. Wer tippt schon, um sein Geld stabil zu halten? Der Punkt ist aber ein anderer. Der Markt für Basketball-Wetten ist so effizient geworden, dass stabile Nicht-Verluste bereits eine Leistung darstellen. Wer diese Grundlinie verstanden hat, kann darauf aufbauen. Wer dagegen systematisch Außenseiter spielt, weil „die Quote so schön hoch war“, arbeitet gegen das eigene Geld.

Ergänzt wird die Studie durch eine frühere Arbeit von Colquitt, Godwin und Swidler in den Finance Research Letters. Sie analysierten eine Stichprobe von fast 16.000 NCAA-Basketball-Wetten und dokumentierten, dass der Underdog den Spread in weniger als der Hälfte der Fälle geschlagen hat. Nicht knapp weniger – deutlich weniger. Das ist nicht Zufall oder Pech. Das ist ein struktureller Hinweis darauf, dass die emotionale Anziehungskraft des Außenseiter-Tipps die tatsächliche Trefferchance überlagert.

Die Autoren formulieren es nüchtern: Das Wetten auf schwere Favoriten in College-Basketball und College-Football sei die beste Strategie, um den Favorite-Longshot-Bias auszubeuten – mit einer durchschnittlichen Rendite nahe null. Eine Rendite nahe null klingt nach nichts. Sie ist aber in einem Markt mit fünf Prozent Vig das, was man bei einem sportlichen Modell mit normaler Genauigkeit realistisch erreichen kann, ohne zusätzlichen Edge. Wer den Vig neutralisiert, ohne selbst Zusatzinformationen einzubringen, hat bereits einen Status erreicht, den neun von zehn Freizeittippern nie erreichen werden.

Was diese beiden Studien methodisch stark macht, ist nicht die absolute Zahl, sondern die Konsistenz über die Zeit. Der Bias wurde in den frühen 2000er-Jahren dokumentiert, dann in den 2010ern bestätigt und in neueren Zitationen bis heute weitergereicht. Märkte entwickeln sich, aber bestimmte menschliche Verzerrungen halten sich stabil. Die Verlockung des großen Payouts ist keine Frage der Saison.

Lässt sich der College-Effekt auf die NBA übertragen?

Die Studien stammen aus dem College-Basketball. Die NBA ist ein anderes Biotop – schärfere Quoten, höheres Wettvolumen, professionellere Marktteilnehmer. Die Frage ist, ob der Bias auch in der Profi-Liga greift.

Die ehrliche Antwort lautet: Er ist vorhanden, aber schwächer. Der NBA-Markt ist einer der liquidesten Sportwettenmärkte der Welt, und die großen Sharp-Gruppen gleichen ineffiziente Preise oft innerhalb weniger Minuten aus. Wer hofft, in der NBA systematisch fünf Prozent Gewinn allein durch das Spielen von Favoriten herauszuholen, wird enttäuscht. Der Edge ist dort kleiner als im College.

Aber er verschwindet nicht. In bestimmten Sub-Segmenten bleibt der Bias messbar. Zwei Beispiele aus meiner eigenen Beobachtung: In Spielen zwischen einem klaren Top-5-Team und einem Bottom-5-Team, die am nationalen TV übertragen werden, drückt die Public-Aufmerksamkeit die Außenseiter-Quoten leicht nach oben – weil viele Gelegenheitstipper genau dann einsteigen und Quoten für den Außenseiter jagen. Und in Back-to-Back-Situationen, in denen der müde Favorit auswärts spielt, unterschätzt der Markt manchmal die Favoritendominanz, weil die Story vom erschöpften Star zu attraktiv erzählt wird. Beide Segmente sind schmal, aber sie existieren.

Ein drittes Segment, das ich selbst erst spät bemerkt habe: die ersten zwei Wochen der regulären Saison. Hier sind die Modelle der Buchmacher noch nicht voll kalibriert, weil Vorsaison-Daten begrenzten Wert haben und die ersten echten Spiele nur eine dünne Informationsbasis liefern. In genau diesem Fenster tauchen einzelne Außenseiter-Quoten auf, die real zu hoch sind – nicht aus Public-Gründen, sondern weil der Markt seinen Fuß noch nicht gefunden hat. Das ist die seltene Situation, in der ein Außenseiter-Tipp mathematisch verteidigbar wird. Sie dauert nicht lange. Nach zehn Spielen pro Team sind die Linien wieder scharf.

Für Pace, Heimvorteil und die strukturellen Unterschiede zur BBL lohnt sich ein separater Blick auf die Gegenüberstellung von NBA und BBL, wo die Marktfeinheit ein anderer Faktor ist.

Drei Regeln, wie Sie den Bias nicht selbst bedienen

Der wichtigste Schritt ist, sich den eigenen emotionalen Reflex bewusst zu machen. Die meisten Tipper merken erst nach Monaten, dass sie systematisch Außenseiter bevorzugen. Bei mir hat es länger gedauert. Drei Regeln haben mir geholfen, den Reflex zu zähmen.

Erstens: Führen Sie eine Bilanz Ihrer eigenen Tipps, getrennt nach Favoriten- und Außenseiter-Seite. Nicht nach Gewinn und Verlust in Euro, sondern nach Trefferquote und durchschnittlicher Quote. Wenn Ihre Außenseiter-Quote konstant unter der impliziten Marktwahrscheinlichkeit liegt, haben Sie den Bias auf Ihrem eigenen Schein.

Zweitens: Machen Sie jeden Außenseiter-Tipp schriftlich begründungspflichtig. Nicht „das Team spielt gerade besser“. Sondern konkret: Welche Zahl in Ihrem Modell rechtfertigt diesen Tipp? Wenn Sie keine Zahl haben, haben Sie keinen Tipp. Sie haben ein Gefühl. Und Gefühle sind teuer bei Dezimalquoten über 3,00.

Drittens: Wenn Sie den Außenseiter wirklich spielen wollen, reduzieren Sie den Einsatz automatisch um die Hälfte. Das ist ein unangenehmer, aber wirksamer Filter. Die Hälfte der Außenseiter-Tipps überlebt diese Reduktion nicht, weil sie sich nur lohnen, wenn die Auszahlung „groß“ wirkt. Genau diese Tipps sind die, die der Bias Ihnen einreden will.

Die Einsicht ist unangenehm, aber befreiend: Der Außenseiter ist selten Ihr Freund im Basketball. Er ist der Geschmack, den der Markt Ihnen verkauft, weil er weiß, dass Sie ihn mögen. Wer das einmal akzeptiert hat, spielt nicht schlechtere Tipps – er spielt ehrlichere.

Fragen zum Longshot-Bias

Gilt der Favorite-Longshot-Bias auch für die BBL?

Vermutlich ja, aber die Datenlage ist dünner als im College-Basketball oder in der NBA. Die BBL hat ein kleineres Wettvolumen, was Märkte tendenziell weniger effizient macht und emotionale Verzerrungen eher begünstigt. Wer in der BBL spielt, sollte denselben Favoritenfilter anlegen und Außenseiter-Tipps besonders kritisch prüfen.

Wie erkenne ich, dass ich emotional Außenseiter spiele?

Schauen Sie sich Ihre letzten 20 Tipps an und teilen Sie sie in zwei Gruppen: Tipps auf Teams mit Quote unter 2,00 und Tipps auf Teams mit Quote ab 2,00. Wenn mehr als die Hälfte Ihrer Einsätze auf der höheren Quote liegt, haben Sie eine systematische Vorliebe für den Außenseiter – unabhängig von der Einzelanalyse. Das ist der Bias in Aktion.

Erstellt vom Redaktionsteam „Basketball Sportwetten Strategien”.